Im Winterraum

Im Winterraum

Schnee und Eis, so weit das Auge reicht, selbst im Sommer: Die Müllerhütte im Südtiroler Teil der Stubaier Alpen liegt in einer scheinbar intakten Hochgebirgswelt, der die Klimaerwärmung nichts anhaben kann. Doch dieser Eindruck täuscht.

Reportage, erschienen in der Süddeutschen Zeitung

Der erste Eindruck kann täuschen, gerade hier, auf dieser Höhe. Zum Beispiel der Schnee. Meterhoch liegt er noch auf dem Gletscher nach diesem Winter, der den Südalpen so viel Niederschlag brachte. Immerhin, die Saison auf der Müllerhütte im Südtiroler Teil der Stubaier Alpen kann wohl trotzdem wie üblich starten: Ende Juni, früher geht es nicht auf 3145 Metern.

Lukas Lantschner muss erst einmal Wege spuren, damit die Bergsteiger nach dem langen, steilen Aufstieg zur Hütte finden. Mindestens fünf Stunden dauert die kürzeste Route auf die Müllerhütte, aus dem Passeiertal. Das letzte Stück führt über den Gletscher, den Übeltalferner. Das macht hungrig und durstig, und deswegen waren die vergangenen Tage hektisch für Lantschner und Heidi von Wettstein. Die Hüttenwirte mussten Lebensmittel ordern, Lieferanten koordinieren, den Transport per Helikopter organisieren. Oben muss Wettstein dann Einkäufe einräumen, die Küche durchlüften.

„Die Bedingungen sind extrem hier oben“, sagt sie. „Das Wetter, die Temperaturen, es gibt viele Faktoren, die ausmachen, ob Gäste hochkommen oder nicht. Da ist man total ausgeliefert.“ Im vergangenen Jahr fanden die Wirte noch im Juni statt ihres Arbeitsplatzes nur einen großen Schneeberg vor. Der Versuch, einen Tunnel zur Tür zu graben, scheiterte, sie mussten erst einmal zurückkehren ins Tal.

Schaut Wettstein durchs Küchenfenster, dann sieht sie nichts als Fels und Eis. Die Gletscher, die die Hütte auf allen Seiten umgeben. Die Stubaier Alpen, die nahen Dreieinhalbtausender auf dem Grenzkamm zwischen Südtirol und Österreich: Wilder Pfaff und Wilder Freiger, Sonnklarspitz, Zuckerhütl. Eine intakte Hochgebirgslandschaft, so sieht es aus, der selbst die Sommerhitze nichts anhaben kann. Aber das ist eben nur der erste Eindruck.

Wettstein liebt diese karge Berglandschaft, trotz aller Schwierigkeiten. Anders als Lantschner ist sie keine Südtirolerin. Die 43-Jährige kommt aus Kopenhagen. „Wenn einem die Berge gefallen“, sagt sie, „ist Dänemark ausgesprochen schlecht.“ Also zog sie vor 14 Jahren in die Alpen. Sie arbeitete als Glaskünstlerin. Irgendwann ging der Glasofen kaputt, der Elektriker kam – es war Lukas Lantschner. Während er am Ofen schraubte, kamen sie ins Reden, über die Berge und wie gern beide dort unterwegs sind. Plötzlich fragte Lantschner, ob sie nicht mit ihm zusammen eine Schutzhütte übernehmen wolle. Wettstein zögerte nur kurz, dann sagte sie zu. „Es war eine große Entscheidung in zwei Sekunden“, sagt sie. Seit 2007 sind die beiden Geschäftspartner, betreiben zusammen die Müllerhütte. Jedes Jahr im Juni sagt Lantschner seiner Frau und den drei Kindern ade, Wettstein packt ihre Sachen in Innsbruck, wo sie den Winter über als Illustratorin arbeitet. Beide ziehen für den Sommer in ihr kleines, schindelverkleidetes Haus hoch über der Welt der anderen.

Wettsteins Bergbegeisterung ist Familiensache. Ihr Großvater war Österreicher, in seinem Haus fand sie, kurz nachdem sie die Hütte übernommen hatte, Fotos von den Bergen. Der Großvater hatte sie 1913 gemacht, sie zeigen genau das Gebiet rund um die Hütte, das für seine Enkelin 100 Jahre später zum zweiten Zuhause geworden ist. Als die Fotos entstanden, war die 1908 errichtete Müllerhütte erst wenige Jahre alt. In körnigem Schwarz-Weiß sind dieselben Hänge und Schneefelder zu sehen, die sich unter strahlend blauem Himmel auch jetzt mächtig vor Wettsteins Augen erheben. Erst auf den zweiten Blick zeigt sich: Das Bild ist ein ganz anderes. Wo sich 1913 Eismassen über den Kamm schoben, ragen im Sommer schroffe Felsen heraus. Wo die Gletscher einst bis zu den Gipfeln reichten, ist dann viel bröckeliger Stein zu sehen. Um gut 85 Zentimeter sinkt die Eishöhe des Übeltalferners rund um die Hütte jedes Jahr. Der nach Norden abfließende Sulzenauferner ist seit 1850 um fast zwei Kilometer zurückgeschmolzen. Das oberhalb gelegene, schneeweiße Zuckerhütl wird zum felsbraunen Zimthütl.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Durchschnittstemperatur im österreichischen Alpenraum um 1,6 Grad Celsius gestiegen, bis 2050 könnten es zwei Grad werden. Dann drohen der Müllerhütte Probleme. Wie viele Hochgebirgshütten steht das Haus nicht auf festgefügtem Fels, sondern auf Permafrostboden. Das Bodeneis in großer Höhe, in den Alpen oberhalb von etwa 2500 Metern, wirkt wie Kitt, der brüchigen Fels zusammenhält, steile Hänge erst stabil macht. Taut das Eis, kann der Untergrund in Bewegung geraten. Das Hochwildehaus des Deutschen Alpenvereins (DAV), nicht weit von der Müllerhütte entfernt, musste deswegen vor kurzem saniert werden. Auf die Dauer, meint Hüttenexperte Xaver Wankerl vom Alpenverein, werde das Schutzhaus nicht zu halten sein.

Keine Duschen, keine große Auswahl beim Essen – hier sind andere Dinge wichtig

„Man merkt von Jahr zu Jahr, wie es wärmer wird“, sagt Heidi von Wettstein. „In unseren ersten Jahren hier oben hatte es in der Früh’ drei, vier Grad minus. Jetzt sind es meistens Plusgrade.“ Die Wege auf dem Gletscher werden schwieriger, wenn das Eis schon morgens sulzig ist, und auch gefährlicher. Schneebrücken über den Gletscherspalten tragen nicht mehr, manche Routen sind in den meisten Jahren nur noch im Frühsommer begehbar. Und auch die Gipfel sind schwerer zu erklimmen, wenn die Gletscher zurückgehen, die Steinschlaggefahr wächst.

Ganz leicht ist es ohnehin nicht, die Müllerhütte zu erreichen. Sie gehört zu den höchsten Schutzhäusern der Ostalpen. Was Wettstein, Lantschner und ihre Mitarbeiter brauchen, ob Brennholz, Wäsche, Lebensmittel, alles müssen sie per Helikopter aus dem Tal herauffliegen lassen. Trotzdem, oder besser: genau deswegen würden die Hüttenwirte nie tauschen wollen. Die Abgeschiedenheit bringt eine Atmosphäre, die woanders nicht zu haben wäre. Vom Massenbetrieb niedriger gelegener Hütten ist hier wenig zu spüren. Die Leute, die herauf kommen, seien anders, meint die Wirtin. „Es sind Bergsteiger, die haben andere Erwartungen.“

Es sind Leute wie Benny Kofler, 25, der Slackliner, der mitten auf dem Gletscher ein Seil spannt, zwischen klaffenden Abgründen, und darauf balanciert. Weil er mal ausprobieren wollte, wie sich die Höhe so auswirkt auf seine Konzentration und seinen Gleichgewichtssinn. Oder wie Thomas Engl, 24, der seit sechs Jahren jeden Sommer einen Eiskletterwettbewerb in einer Gletscherspalte veranstaltet, zusammen mit den Hüttenwirten. Bis zu einhundert meist junge Kletterer reisen dann an, aus Südtirol, Österreich und Bayern, und eine Liveband, die am Vorabend zur Party auf über 3000 Metern aufspielt. „Nur Verrückte“, sagt Engl, „steigen fünf Stunden auf, um dann 15 Minuten mit den Eispickeln in einer Spalte zu hängen.“ Genau die Leute also, mit denen er sich wohlfühlt.

Sie stören sich nicht daran, dass alles ein bisschen spartanischer ist auf der Müllerhütte. Dass am Abend alle das gleiche Essen bekommen, statt ein Menü à la Carte. Dass es keine Duschen gibt, nicht einmal kalte. Das Wasser zum Waschen, Putzen, Kochen müssen die Wirte aus einer Gletscherspalte pumpen. Wenn es, wie so oft in den vergangenen Jahren, zu warm ist, zu wenig Schnee liegen bleibt, dann fließt das Wasser am Ende des Sommers nur noch spärlich, kommen Stein und Sand mit und blockieren die Filter der Pumpen. Das, sagt Wettstein, sei bisher das größte Problem mit dem wärmer werdenden Klima.

Ob der Schnee in diesem Jahr reichen wird, wird sich im August oder September zeigen. Was den tauenden Permafrostboden angeht, haben die Landesgeologen der Provinz Bozen erst einmal Entwarnung gegeben. Noch hält das Eis auf dieser Höhe das Gestein zusammen. Lantschner und Wettstein achten trotzdem ständig auf Anzeichen für Bewegung im Untergrund. Und sind, einmal mehr, froh, dass ihre Hütte so weit oben liegt.

Christoph Heinlein
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